Blade Cyrille

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Wenn Blade Cyrille vor einem steht, denkt man nicht, dass dieser Mensch auch schwache Momente haben kann.

Blade Cyrille Atangana kommt aus der Yaoundé, der Hauptstadt Kameruns. Der groß gewachsene, muskulöse junge Mann hat einen aufrechten Gang. Seine Stimme ist fest, seine Sätze klar. Wäre ihm nach der kurzen Studienzeit an der Universität von Yaoundé nicht das Geld ausgegangen, wäre er sicherlich ein guter Anwalt geworden. Doch selbst einem geradlinigen Charakter wie Cyrille ist es in einem Land wie Kamerun nicht vergönnt, allzu anspruchsvolle Lebensziele zu verwirklichen – vor allem nicht, wenn es der Familie an Geld und Kontakten fehlt. Statt Anwalt wurde Cyrille Mechanikers. Und trotzdem – er fand keine Arbeit und schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Obwohl vielen jungen Leute gar keine andere Möglichkeit bleibt, als mit Gelegenheitsarbeiten wie dem Verkauf von Waren am Straßenrand oder mit kleinen Dienstleistungen für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, geht die Polizei hart gegen informelle Tätigkeiten vor. Viele werden inhaftiert und sitzen Jahre ohne Verurteilung in Untersuchungshaft. Als auch Cyrille mit der Polizei in Konflikt geriet, blieb ihm keine Wahl: im Gefängnis landen oder … fliehen. Einige Wochen nachdem er sein Land verlassen hatte, erhielt er die Nachricht. Seine Mutter war gestorben. Von nun an gab es für ihn kein Zurück mehr. Sein neues Ziel hieß nun: Europa.

Ziel Europa

Der Weg zum neuen Ziel war nicht einfach. In Algerien und Marokko begegnete man den schwarzhäutigen Migranten nicht sehr herzlich. Oft wurde er bedroht, verjagt, ausgenommen. Er reiste, blieb eine Weile an einem Ort um zu jobben und Geld für die Weiterreise zu verdienen. Dann reiste er weiter. Zwei Jahre lang. In Marokko wurde er von der Polizei festgenommen und nach Algerien abgeschoben. Aus dem Flüchtlingslager Oujda kehrte er zurück nach Marokko. Kam an die Küste und fand Schlepper, die ihn im Schlauchboot nach Europa bringen sollten. Das Boot geriet auf dem Wasser in Seenot und trieb tagelang vor der spanischen Küste. Als das Boot endlich von einer spanischen Einheit aufgegriffen wurde, waren einige von Cyrilles Gefährten kurz vor dem Verdursten. Die spanischen Beamten ließen sie in ihr Boot steigen, um sie in ein Auffanglager nach Spanien zu bringen. Cyrille, der noch bei guter Gesundheit war, sollte nach Marokko zurückgebracht werden. Als Cyrille das hörte, drohte er, sich vom Boot ins Wasser zu stürzen, wenn die Beamten ihn nicht nach Spanien mitnehmen würden. Sie brachten ihn nach Ceuta.

In Ceuta

In seiner Zeit in Ceuta war Cyrille sehr bemüht, nicht aufzufallen. Er verhielt sich ruhig und nutze die Zeit, um Spanisch zu lernen. Für einen Charakter wie Cyrille, für den Stärke und Selbstbestimmtheit eine große Rolle spielt, war die Situation im C.E.T.I. nur schwer auszuhalten. Als klar war, dass man ihm keine Papiere gewähren würde, suchte er nach anderen Wegen, um Ceuta zu verlassen: sich in einem Lkw verstecken. Noch bevor es ihm gelingen konnte, in einem der Wagen unentdeckt durch die Hafenkontrollen zu kommen, brach unter den Migranten in Ceuta ein Aufstand aus, in dem sich die aufgestaute Frustration über die ausweglos scheinende Situation entlud. Cyrille, der darauf bedacht war, nicht negativ aufzufallen, wollte sich nicht an den Aufständen beteiligen. Die anderen Migranten in C.E.T.I. bezeichneten ihn deshalb als Verräter, setzen in unter Druck, wurden sogar handgreiflich. Als die Leitung des C.E.T.I. die Situation zu beruhigen versuchte und einige Migranten in Einrichtungen auf dem Festland entließ, war Cyrille unter ihnen.

Die neue Freiheit

Cyrille wurde in einer NGO für Migranten ohne Papiere in Salamanca untergebracht. Bald merkte er, dass er dort keine Möglichkeit hatte, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Als sich Bekannte die Gelegenheit bot, ließ er Spanien hinter sich und folgte er Einladung einer Bekannten nach Luxemburg. Auch dort war es schwierig, eine Arbeit zu finden und Cyrille konnte nicht Fuß fassen. Als ihn auch seine Bekannte auch noch vor die Tür setzte, fand er sich ohne Obdach auf der Straße wieder, übernachtete auf Bänken in Parks. Nach einigen Wochen folgte er enttäuscht dem Ruf eines Bekannten und ging nach Marseille. Hier hatte er mehr Glück und fand Arbeit als Wächter in einem Supermarkt in einer Kleinstadt außerhalb von Marseille. Etwa die Hälfte seines Lohns ging dabei für die zweistündige Zugfahrt drauf, die er jeden Tag zu seinem Arbeitsplatz zurücklegte. Trotzdem reichte der Lohn, um auf die Beine zu kommen und sich mit anderen Afrikanern zusammen ein Zimmer zu teilen.
Derzeit ist Cyrille wieder ohne Arbeit. Sein Chef hatte ihn monatelang arbeiten lassen, ihn aber nicht auszahlte – eine gängige Form der Ausbeutung von illegalen Migranten, die sich ohne Papiere nicht zur Wehr setzen können.

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