Babu

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Video über Babus neues Leben siehe unten

Hätte Babu gewusst, was auf ihn zukommen würde, hätte er seine Heimat sicher nicht verlassen.
Doch damals vor 5 Jahren sah alles noch ganz anders aus. Damals, als er mit seinen gerademal 17 Jahren eine Welt voller hoffnungsvoller Versprechen vor sich liegen sah. Damals, als ihm diese Männer ein Europa malten, wo die Mädchen offen und lieblich seien, wo junge Männer auf Mopets führen und wo er unabhängig von dem vorgeschriebenen Weg seiner Familie leben könne. Dass diese Männer, die damals durch die Dörfer der nordindischen Region Punjab streiften, um jungen Männern den Traum von Europa schmackhaft zu machen, nur den eigenen Profit im Sinn hatten, hatte Babu nicht gedacht. Damals hatte er nur eines im Kopf: sich in das Abenteuer Europa zu stürzen.

Reise der Schrecken

Dem hoffnungsvollen Aufbruch in das neue Leben folgte bald die grausige Erkenntnis, auf wen sich Babu eingelassen hatte. Die Männer entpuppten sich als skrupellose Schlepper. Die jungen Inder hatten bei Beginn der Reise sämtliche Papiere an sie abgeben müssen und waren ihnen schutzlos ausgeliefert. Die erste Etappe von Babus Odysse ging per Flugzeug nach Bamako im westafrikanischen Mali. Das Geld hatte er von seiner Familie geborgt – viel Geld für seinen Vater, der Frau und Kinder mit dem Verkauf von Gemüse durchbrachte. Von Bamako aus ging es im Pickup weiter in die Wüste. 20 Leute, darunter viele andere Inder, waren mit Babu auf die Ladefläche des Autos gepfercht, schließlich sollte sich die Reise für die Schlepper auch lohnen. Und nicht nur das. In Gao, im Norden Malis hatte die Reise ein jähes Ende. Die jungen Inder wurden in Kellerlöchern festgehalten – solange, bis ihre Familien mehr Geld geschickt hatten. Diese Form der Erpressung wiederholte sich noch öfter. In der Wüste, in Algerien, in Marokko. Babu flehte um Gnade, wusste er doch, dass sich seine Familie hochverschuldet und ihre Felder verkauft hatte, um ihm weiter Geld zu schicken. Die Schlepper kannten keine Skrupel, mischten ihren Passagieren Benzin ins Trinkwasser, damit sie nicht so viel konsumierten – Wasser in der Wüste ist schließlich teuer. Einige von Babus Freunden starben an der Folgen der Vergiftung. Ihre Körper blieben im namenlosen Grab der Wüste zurück.

Der Sprung nach Europa

Als er so endlich in Marokko angekommen war, gab es die nächste große Hürde zu überwinden: die Festung Europa. Den ersten Versuch unternahm Babu im Schlauchboot. In der Nacht, in der er übersetzen sollte, war es stürmisch. Dennoch schickten die Schlepper das vollbesetze Boot auf den Ozean. Es war kein Steuermann an Bord, die Migranten sollten das Boot alleine lenken, ganz ohne Erfahrung. Als die Wellen im Sturm mächtiger wurden, konnten die jungen Männer das Boot nicht länger unter Kontrolle halten: sie kenterten. Babu hatte Glück, er hatte eine Schwimmweste bekommen. Andere nicht. Während er in Todesangst auf dem Wasser trieb, sah er seine Freunde vor seinen Augen ertrinken.
Einige Stunden später wurde er von der marokkanischen Polizei aus dem Wasser gezogen und ins Gefängnis gebracht. Bis zu 50 Menschen in einem Raum, jeden Abend ein paar in die Zelle geworfene Laibe Brot, um die man sich schlagen musste. Als Babu nach Monaten wieder auf freien Fuß gesetzt wurde, sollte es im Auto über die Grenze nach Ceuta gehen. Wieder vergingen Monate, bis Babus Familie das notwendige Geld für den Transfer zusammengekratzt hatte: 4000€ wollten die Schlepper, um Babu in das Armaturenbrett eines Autos einzubauen und mit ihm über die Grenzen zu fahren. Das Unternehmen gelang. Nach zwei Jahren der Reise kam Babu nach Ceuta.

Leben im Wald

Die Vorstellung, in Ceuta in Sicherheit zu sein, entpuppte sich alsbald als Trugschluss. Zwar waren die Gefahren der Reise und die Erbarmungslosigkeit der Schlepper Vergangenheit, doch die neue Gefahr hieß nun: Abschiebung. Indien und Spanien waren diplomatisch in einer Zwickmühle. Indien akzeptierte zwar nicht die Rückführung der jungen Männer, gewährte ihnen aber auch keine neuen Ausweise – ihre indischen Pässe hatten sie schließlich den Schleppern überlassen müssen und sie nicht wieder bekommen. Die spanische Regierung hatte angedroht, die Migranten in Internierungslagern zu bringen. Aus Angst vor einer Verhaftung hielten es die indischen Migranten in Ceuta nicht im C.E.T.I. aus, wo sie leicht hätten verhaftet werden können. Sie errichteten sich in den Wäldern Ceutas ein Lager. Drei Jahre lang lebte Babu mit seinen Gefährten im Freien. Im Sommer, wie im Winter.
Bei den Menschen in Ceuta waren die jungen Männer aus Indien sehr beliebt. Ihre demütige Bescheidenheit kam gut an. Viele unterstützen die Migranten in ihrer misslichen Lage mit Lebensmitteln- oder Kleiderspenden, oder verschafften ihnen kleine Gelegenheitsjobs.

Das neue Leben

Nach drei Jahren in Ceuta gewährte die spanische Regierung den Indern den Einlass auf das spanische Festland. Nach 40 Tagen im Internierungslager in Algeciras durften die jungen Männer ihrer eigenen Wege gehen. Babu erhielt einen Platz in einem Wohnheim für Migranten in Valladolid. Er fand Arbeit als Aushilfe in einem Dönerladen. Mit einem Anfangsgehalt von 100€ im Monat konnte er die Arbeit nur annehmen, weil er in der NGO untergebracht war. Nun verdient Babu zwar ein wenig mehr und kann sich mit Freunden ein Zimmer teilen. Das Geld zurückzuzahlen, das er seiner Familie schuldig ist, wird aber noch viele Jahre dauern.

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